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Henry

Balkantours

Religion, Politik, Kultur

Ich bin 1999 dreimal nach Südosteuropa gereist, zuerst nach Istanbul, dann nach Rumänien und schließlich mit der Grünen Jugend nach Bosnien. Die größte Gemeinsamkeit zwischen den Ländern besteht darin, dass die Menschen liebenswert und kultiviert sind und zugleich auf der Ebene des Gemeinwesens und der Politik Chaos und Unvernunft herrschen. Darin unterschieden die Länder sich stark von meiner letzten grösseren Reisen nach Holland und USA, wo ich die Menschen nicht besonders liebenswert fand, sich das Gemeinwesen jedoch durch eine bewundernswerte Fähigkeit zu gelungenen politischen Lösungen auszeichnet.

Die Türken, Serben, Rumänen, Kurden oder Ungarn, die ich kennen lernte, empfanden zu ihrer Heimat meist eine Hassliebe, eine Gefühlsintensität, zu der sie den durchschnittlichen Westeuropäer gar nicht imstande sahen!

Wie kann man diesen Zusammenhang zwischen Politik, Kultur und Geographie aufdröseln, ich möchte es versuchen.

Wenn man sich langsam von Deutschland in Richtung Südosten bewegt, dabei schon in Regensburg und Passau halt macht und sich die barocke Architektur der dortigen Kirchen betrachtet, findet man bereits das Leitmotiv des Lebens auf dem Balkan: es ist die enge Verknüpfung von Religion und Politik. Im Unterschied zu den luftigen, himmelwärts gerichteten gotischen Kathedralen des europäischen Nordwestens demonstrieren diese zu Zeiten der Gegenreformation erbauten Kirchen, palastartig und mit reichlich Blattgold versehen, eher irdische, weltliche Pracht- und Machtentfaltung. In Ungarns Kirchen ist diese Verquickung von Kirche und Staatlichkeit daran abzulesen, dass links und rechts des großen Altarkruzifix die beiden ungarischen Könige Stefan und Lazlo postiert sind.

Überqueren wir die Grenzen zu den Ländern orthodoxen Glaubens wird der Zusammenhang noch stärker. Die orthodoxen Kirchen sind autonome Nationalkirchen. Die oberste Kirchenautorität ist national, kein polyglotter Papst in Rom. Unter dieser Bedingung wird das Glaubensbekenntnis gleich zum Fahneneid und eine Kritik an der herrschenden Politik tendenziell zum Ketzertum. Andererseits halten die Leute gut zusammen und wollen im Gegensatz zu den westlichen Christen auch nicht alle Welt missionieren.

Diese Zusammenhänge kommen einem als Westeuropäer reichlich konstruiert vor, wenn wir jedoch in die Geschichte blicken, sehen wir in Europa sehr viele Konflikte zwischen Kirche und Staat, die abwechselnd den progressiven oder konservativen Part übernehmend, die Entwicklung zum säkularisierten Nationalstaat vorantrieben.

In orthodoxen Ländern fehlt dieser fruchtbare innere Gegensatz weitgehend und das ist leicht verständlich, wenn man sich die von Fremdherrschaft und Kriegen geprägte Geschichte dieser Länder betrachtet.

Verursacher dieser Kriege und der Fremdherrschaft waren die längste Zeit die Osmanen, die den Islam nach Europa verbreiten wollten. Hier brauchte der Prophet gar nicht wie in Ungarn zwei gerüstete Könige zur Rechten und zur Linken, sondern Mohammed schwang selbst das Schwert. Die Einheit von Politik und Religion und kriegerischer Bekehrung war das Programm. Die Türkei konnte den laizistischen Staat nur um den Preis eines heftigen Nationalismus, durchsetzen, der den islamischen Chauvinismus ersetzte.

Diese südöstlichen Kulturen haben gemeinsam, dass das Zusammenstehen gegen äußere Feinde wichtiger ist als innere Auseinandersetzungen, welche durch das Auseinandertreten von Staat und Kirche in Westeuropa seit jeher einen festen Platz hatten und durchaus als Vorläufer der Gewaltenteilung anzusehen sind. Zusammenhalten, aber nicht zuviel meckern. Es ist kein Klischee, es geht Richtung Südost - Österreich vielleicht ausgenommen - tatsächlich warmherziger und gemeinschaftsorientierter als bei uns zu. Doch wer nicht mitmacht ist ein Nestbeschmutzer.

Dieses Schema kommt uns vom Balkan so bekannt vor, es verstärkt die Abschottung nach außen und immunisiert die Herrschenden gegen Kritik aus den eigenen Reihen. Deswegen hängen Nationalismus und Korruption, Autoritarismus und Misswirtschaft untrennbar zusammen.

Natürlich sind die Leute nicht mehr so religiös wie früher, obwohl die Frequentierung balkanesischer Gotteshäuser wahrscheinlich jeden deutschen Großstadtpfarrer vor Neid erblassen lassen würde. Die Sache hat sich aber vom religiösen Ursprung abgelöst, verselbständigt und diese Dinge machen im Kern die Kultur eines Landes aus.

 

Teilungspläne

In Bosnien ist mir aufgefallen, wie wenig ernst die Leute, die als NGO-Mitarbeiter oder Diplomaten am lautesten nach einem multikulturellen Zusammenleben rufen, die einzelnen Kulturen nehmen, die als Basis dieses multikulturellen Zusammenlebens dienen sollen. Und das war ja über die ganze Zeit des Bosnienkrieges für das westliche Handeln symptomatisch. Der Ruf nach Toleranz ging einher mit einer Ignoranz gegenüber dem Kulturspezifischen: Der gescheiterte Vance-Owen-Plan und letzten Endes auch das Dayton-Abkommen verkörpern diese “Habt euch nicht so, rauft euch endlich zusammen, ihr streitet euch doch um Kleinkram”-Haltung des Westens.

Die Bosniaken waschen sich gern mit Wasser den Hintern ab, deshalb stehen immer Wasserflaschen auf den Klos, die Kroaten finden das eklig. Die Serben und Rumänen essen Schweinefleisch (und zwar kiloweise) und die Bosniaken finden das unrein. Solche Reinlichkeitsvorstellungen sitzen tief, sie sagen viel über das Selbstverständnis von einzelnen Personen aber auch Völkern aus und - das weiß man aus jeder WG, sie sind schlecht für Kompromisse geeignet. Das ist aber tatsächlich Kleinkram.

Aber ähnlich tiefsitzende spezifische Überzeugungen bestehen in vielen weitaus bedeutsameren Fragen: Wie soll man seine Kinder erziehen, wie soll man Kriminelle bestrafen und resozialisieren, wie viel Eigenverantwortlichkeit und Freiheit soll man dem Einzelnen zugestehen bzw. aufbürden. Es gibt in diesen Fragen keine unideologischen, keine universalistischen, keine wissenschaftlich untermauerten Antworten. Auch die westlichen Demokratien haben hier weder einheitliche noch befriedigende Antworten gefunden. Wer möchte schon in Amerika vor Gericht stehen oder in Italien Behördenkram erledigen oder in England auf Sozialhilfe angewiesen sein? Die prägenden Überzeugungen zu diesen Themen gewinnt man von Kindesbeinen an, sie sind höchst kulturspezifisch und führen direkt zurück zu religiösen Wurzeln.

All diese Fragen muss ein politisches Gemeinwesen, das sich eine Verfassung und Gesetze geben will aber klären, sie machen die Verfasstheit eines Landes aus und müssen behandelt werden, bevor man sich den konkreten Problemen und Sachfragen sozialer und wirtschaftlicher Natur widmet. In dieser Situation waren die bosnischen Nationalitäten nach dem Zusammenbruch des Sozialismus und mit der Unabhängigkeit erstmals in ihrer Geschichte! Wenn ich mir jenseits von wirtschaftlichen Problemen und politischen Ränkeschmieden die Schwierigkeiten einer Einigung über solche Fragen vorstelle, selbst bei gutwilligen, klugen Leuten, dann verstehe ich den in den Wahlergebnissen deutlich gewordenen Wunsch vieler Bewohner Bosnien-Herzegowinas nach einer Teilung sehr gut.

Man hätte diese Wünsche ernster nehmen müssen und nicht einfach als Rückfall in den Nationalismus des 19. Jahrhundert denunzieren dürfen. Der Balkan hatte kein 19. Jahrhundert wie Westeuropa, hier waren die meisten Menschen noch Analphabeten und Leibeigene, während man in Paris und London und Frankfurt schon Gesetze debattierte, entwarf und verwarf.

Die Borniertheit der westlichen Politik bestand darin, diesen Nachholbedarf nicht anzuerkennen. Die westlichen Politdealer meinten diese fundamentalen Fragen lassen sich alle in der politischen Kompromisslogik bereits gefestigter politischer Systeme lösen.

Aber auf dem Balkan, wo Politik und Religion historisch bedingt stärker zusammenhängen als im Westen Europas, sind kulturell geprägte Grundüberzeugungen noch weniger politische Verhandlungsmasse als anderswo und das bosnische Parlament war dem entsprechend noch zerstrittener als anderswo.

Wenn man das westliche Dogma der territorialen Integrität Bosnien-Herzegowinas aufgegeben hätte, wären politische Einheiten entstanden in denen, trotz der schwierigen Minderheitenfragen das Einüben der Demokratie leichter gewesen, Entscheidungen über demokratische Grundsatzfragen schneller getroffen worden und die Sehnsucht nach entscheidungsfähigen nationalen Führern dementsprechend schwächer ausgefallen wäre.

Die Selbstverständlichkeit der Europäischen Einigung besonders für unsere Generation lässt einem nachträglich die Angst vor einer Wiederkehr des Nationalismus ganz unplausibel erscheinen. Und schlimmer als im Bosnienkonflikt hätte sich der Nationalismus sowieso kaum entladen können.

Die Kleinstaaterei als Resultat einer Teilung, die den Nationalitäten die Möglichkeit zur Beschäftigung mit sich selbst, zur Autonomie als wörtlich übersetzte Selbstgesetzgebung gegeben hätte, wäre sicherlich ein Übergangsphänomen geblieben. Wenn man mit dem Zug nach Zagreb fährt und in Slowenien für eine Stunde Durchfahrt zwei riesige Stempel in den Pass geklopft bekommt, weiß man doch, dass das ein Relikt aus der Vergangenheit ist und sich in Richtung offene Grenzen entwickeln wird. Und Zagreb selbst macht eher den Eindruck einer habsburgerischen Provinzhauptstadt und nicht den einer europäischen Hauptstadt. Nach Tudjmans Tod wird man das wohl auch laut sagen, ein bisschen Luft aus der nationalstolzgeschwellten Brust lassen und schauen wie man jetzt schnellstmöglich in die EU kommen kann.

Die europäische Integration des Balkans ist doch ganz selbstverständlich und unausweichlich, denn wir wissen ja: “Die Grenzen verlaufen zwischen den Klassen und nicht zwischen den Völkern.” Die Wahrheit in diesem Klassenkampfspruch steckt auch darin, dass ethnische Konflikte, Rassismus und Diskriminierung ihren Ausgang  immer in ökonomischen und sozialen Konflikten nehmen.  Die Neuerrichtung von Grenzen zwischen den “Völkern” Bosniens hätte es aber erlaubt und erzwungen, die Konflikte zunächst jeweils mit den eigenen Leuten im eigenen Haus, mit denen ein genügend großer Bestand an Gemeinsamkeiten und Solidaritätsverpflichtungen besteht, zu lösen, anstatt sich zur Ablenkung von diesen Problemen lieber auf einen gemeinsamen Feind zu stürzen.

Ich weiß natürlich, dass diese Überlegungen sehr heikel sind. Die meisten jungen Leute in Bosnien meinten, eine Teilung hätte noch mehr Blutvergießen verursacht. Ich glaube hingegen, allerdings nur zaghaft, es wäre der einzige Weg gewesen um den Übergang zur Demokratie halbwegs friedlich hinzukriegen.

 

Trümmer

Stattdessen stehen wir jetzt vor den materiellen und menschlichen Trümmern. Die meisten Häuser in der Krajna und in Bosnien sind ziemlich unsympathisch - auch bevor so viele davon ausbrannten und ihnen die Dächer weggeblasen wurden. Grosse funktionale Klötze, mindestens 200 Quadratmeter Wohnfläche und möglichst weit vom Nachbarn entfernt. Grundsätzlich unverputzt aber dafür mit Satellitenschüssel, stehen sie mehr oder weniger verstreut in der Landschaft, dazwischen an der Strasse ein Laden, ein Café, jedoch nichts was zum Verweilen einlädt. Regelmäßig sieht man in diesen formlosen Siedlungen ein hässliche Betonkirche oder Betonmoschee und es gibt tatsächlich wenig Deprimierenderes als religiöse Post-Bauhaus-Funktionsgebäude, Sakralbauten in Fertigbauweise.

Mitten im Balkan, Dörfer ohne Spuren von Tradition, Geschichte und Gemeinschaft. Mit SFOR gebaut, statt mit Wüstenrot, vermitteln sie die konservative Wertetrias Familie, Kirche, Vaterland - dieu, famille, patrie.

Die Leute, gerade die jungen Männer schauen so aus als ob sie beim Militär eigentlich ne dufte Zeit gehabt hätten und ihre Interessen sich weitgehend auf Autos und Fußball beschränken. Die Frauen hingegen wirken blass und sorgenvoll unter der Schminke -schwierig nen Typen abzukriegen angesichts des kriegsbedingten Frauenüberschusses bei den unter 30jährigen. NGO-Mitarbeiter in Sarajewo entblöden sich nicht über die positiven Aspekte dieses Frauenüberschusses zu feixen...

Ohne Zweifel gab es in Bosnien eine urbanes, modernes, kosmopolitisches und tolerantes Leben für das gerade Sarajewo und Mostar stehen - mit vielen Mischehen, Freundschaften und schönen kulturellen Synthesen, so laptop- und lederhosen-mäßig auf sozialistisch.

Daneben gibt es aber ein tief verwurzeltes ländliches Leben, an dem die letzten Jahrhunderte lifestylemäßig und was den Stand der Produktivkräfte betrifft, recht spurlos vorbeigegangen sind, mit den üblichen konservativen Traditionen, den üblichen Vorurteilen, den üblichen religiösen und nationalen Verführbarkeiten, der üblichen ängstlichen Intoleranz. Alles deutet darauf hin, dass dieser Stadt-Land-Gegensatz eine  konfliktreiche “Grenze zwischen den Klassen” in Bosnien war.

Und wenn man fragt, wer die Täter waren, tja, neben den ganzen kriegsbedingten Merkwürdigkeiten und Monströsitäten, wie dem Nachbarn, der die Handgranate ins Wohnzimmer wirft, waren es die angry young men, die perspektivlosen jungen Burschen aller Länder, die einen auch im Osten Berlins anmachen, wenn man mit dunkelhäutigen Freunden unterwegs ist, die in Istanbuls Universitäten ungestraft Linke abstechen und sich in Südafrika im Recht fühlen wenn sie weiße Frauen vergewaltigen.

 

Bosnien ist überall

Diese Stadt-Land-Geschichte und dieses Potenzial an angry young men , das überhaupt nicht spezifisch für Bosnien ist und auf der ganzen Welt beobachtet werden kann, hat mich in Mostar und Sarajewo am meisten beunruhigt und ich hatte das Gefühl nicht zum letzten Mal frisch zerschossene Häuser sehen zu müssen.

Nach dem 2.Weltkrieg ist es uns eine selbstverständliche Grundüberzeugung, dass ein Krieg etwas Schreckliches für alle Beteiligten ist und es im Krieg keine Sieger, sondern nur Verlierer gibt. Diese Überzeugungen gelten in Bosnien nicht. Es gibt einen Haufen Menschen, gerade junge, die den Kriegszustand als intensives Leben und als anarchisch befreiend erlebt haben, als langen Kick sozusagen und jetzt den Weg in eine Normalität nicht mehr finden.

Und es gibt einen Haufen Menschen, die durch den Krieg materiell profitiert haben: Die jetzt ein dickes Auto fahren und ein großes Haus gebaut haben, weil sie als Flüchtlinge in Deutschland waren; die statt der Hütte im 300-Seelen-Dorf jetzt eine schicke Stadtwohnung in Sarajewo haben, weil die alten Eigentümer nicht mehr zurückkehren; die einen coolen Job bei der OESZE bekommen haben, weil sie englisch und deutsch können und gut aussehen. Und das sind nur diejenigen, die nicht mal was zu ihrer Statusverbesserung können, keinen geschädigt haben.

Insgesamt hat dieser oft als erster “Konflikt der Kulturen” betrachtete Krieg in Bosnien vor allem die sozialen Verhältnisse durcheinander gewürfelt und die Karten neu gemischt.

Die Grünen haben ja in Deutschland so etwas wie ein Copyright auf das Multikulturelle. Deshalb müssen sie auch ganz besonders gut über diese multikulturellen Angelegenheiten im Balkan nachdenken. Ich hatte beim Stichwort Multikulti immer dieses Unbehagen, die mit den kulturellen Unterschieden z.B. in Frankfurt einhergehende Armut und mangelnde Bildung mitzutolerieren. Die Rückbesinnung auf die Kultur ist oft ein Zeichen sozialer Stagnation. Und die Kehrseite der kulturellen Toleranz ist oft die soziale Gleichgültigkeit. So richtig gelungen erscheinen uns multikulturellen Gesellschaften deshalb auch nur wenn sie in der sozialen Dimension dynamisch, offen und durchlässig sind. Diese Art der sozialen Bewegung in der Welt zu fördern und aufrechtzuerhalten scheint mir deshalb trotz Globalisierungsängsten und Rückzugssehnsüchten ein hehres Ziel.