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Karin

Warum im Jahr 1999 eine Reise nach Bosnien-Herzegowina machen?

Das ist eine Frage, mit der jede/r der 10köpfigen Delegation des GAJB, die nach Bosnien fuhr, konfrontiert wurde und die jede/r für sich beantworten mußte. Gründe für eine solche Reise gibt es viele, und im folgenden möchte ich auf ein paar davon eingehen.

Die Gewalt verstehen wollen

Uns beschäftigt die Frage, wie die unfaßbare Gewalt in diesem Krieg entfesselt werden konnte. Wie ehemals friedlich zusammenlebende Nachbarn angestachelt werden konnten, sich bis aufs Blut zu bekämpfen und gegenseitig zu ermorden. Jeden Tag sehen wir vor Ort reale Spuren der Gewalt und wir hören Geschichten, die von den unglaublichen Formen, die Gewalt annehmen kann, erzählen. Wir sind darüber schockiert und gehen gleichzeitig auf Distanz. Es ist erschreckend, der Gewalt nahe zu kommen.

Wir sammeln Fakten: historische, solche aus dem Krieg, aktuelle und haben das Gefühl, somit einiges besser verstehen zu können. Doch trotzdem bleibt uns der ursprüngliche Kern der Gewalt nach wie vor unzugänglich. Wie und warum vom Gedanken zur Tat schreiten?

Wie können die Menschen mit den Gewalterfahrungen leben? Können sie verarbeiten? Es besteht ein merkwürdiges Vakuum zwischen den offensichtlichen materiellen Zerstörungen und der ruhigen und zivilisierten Situation und den Menschen, die wir erleben. Was steckt unter der Oberfläche? Was wird aus den Verletzungen und Ressentiments? Kann man Gewalt verstehen und können dies die Menschen, denen sie widerfahren ist?

Neugierde oder Interesse?

Wir wollen die Spuren des Krieges sehen und wir müssen sie nicht mühsam suchen, zumindest die unzähligen Ruinen stechen einem ins Auge. Mit Rucksäcken und Fotoapparaten, den Erkennungszeichen von Touristen (als solche sind wir zumindest in Mostar die einzigen unserer Art), wandern wir durch die Stadt und sind hin- und hergerissen.

Ist unsere Faszination für die Zerstörung verwerflich und makaber? Ist sie natürlich? Es fällt uns schwer, unsere Rolle zu bestimmen. Was machen wir hier eigentlich? Was haben wir für einen “Auftrag”? Wir sind verunsichert und ein wenig hilflos. Beschämt fragen wir uns, ob wir einer Chronistenpflicht oder unkorrektem Voyeurismus nachgehen. Die Antwort müssen wir uns individuell geben.

Betroffenheit

Die Gewalt und die Zerstörung des Krieges machen betroffen. Was kann man gegen den Krieg tun? Wie kann man ihn verhindern? Wir haben die besten Absichten und finden uns doch nur wieder auf unsicherem Terrain.

Nicht nur die verschiedenen Kriegsparteien in Bosnien verfolgten ihre eigenen Ziele, sondern auch die Länder der “internationalen Gemeinschaft”. Was wäre möglich gewesen, wenn alle an einem Strang gezogen hätten? Welche politischen Lösungen wären denkbar gewesen?

Was ist in bezug auf Bosnien zur Wirksamkeit von militärischen Eingriffen der NATO zu sagen? Zumindest gegen Ende des Krieges schienen die Angriffe auf serbische Ziele genügend Druck ausgelöst zu haben, daß die Serben sich aus den Stellungen um Sarajevo zurückzogen, was ein Schritt auf dem Weg zum Waffenstillstand und später dem Abkommen von Dayton war.

Da die moralischen Zerreißproben (nicht nur der Grünen) um die deutsche Beteiligung an internationalen Einsätzen der NATO im Zusammenhang mit dem Kosovo-Konflikt noch frisch sind, stellt sich natürlich auch die Frage nach der nicht immer eindeutigen Rolle Deutschlands im Bosnien-Krieg.

Am Ende wird eines deutlich, nämlich daß die betroffenen Menschen im Vordergrund der Betrachtung stehen bleiben sollen. Um sie sollte es bei allen Überlegungen in erster Linie gehen.

Um (auch hier wieder individuelle) Bewertungen vorzunehmen und Entscheidungen zu treffen, ist es unabdingbar, sich ein Bild der Lage zu machen, d.h. Informationssuche und –vermittlung müssen zentrale Bestandteile dieser jeweiligen Prozesse sein.

Willibor, ein 29 Jahre alter Mostari, der während des Krieges in der Stadt lebte und jetzt für die OSZE arbeitet, hält es für sinnvoll und wichtig, politisch aktiv zu sein und sich dementsprechend zu äußern und zu informieren. Er und seine Freunde sahen den Krieg sich entwickeln, versuchten aber, ihr Leben zu leben, bis der Krieg unausweichlich und real wurde. Er sagte, er würde sich jetzt besser fühlen, wenn er damals aktiver gewesen wäre, auch wenn er nicht glaubt, daß dies etwas geändert hätte.

Können wir helfen?

Für die Stadt Mostar gibt es ein Verzeichnis nicht staatlicher internationaler Organisationen, die sich mit Versöhnungs- und Friedensarbeit beschäftigen. Es enthält über 100 Einträge größerer Organisationen, unter denen nicht einmal “Mladi Most” und das “Mostar Peace Project” zu finden sind; die Organisationen, zu denen wir Kontakt hatten. Dies läßt darauf schließen, wieviele unzählige kleinere und größere Organisationen es allein in Mostar gibt, die um Geld und Klientel konkurrieren. Dies ist ein irritierender Aspekt, der erkennen läßt, wie schwierig es, allein durch die Vielzahl der NGO, ist, einen geeigneten Partner zu finden, mit dem man kooperieren kann.

Ein Gedanke am Rande

In unseren Gesprächen über den Krieg in Bosnien tauchte fast automatisch auch immer wieder das Thema “Zweiter Weltkrieg” auf. Hierzu gab es zwei Meinungen. Einerseits wurde der Wunsch formuliert, dieses Thema außen vor zu lassen. Hier und jetzt solle es nur um den Krieg in Bosnien gehen. Andererseits wurde die Betroffenheit über den Krieg in Bosnien nicht zuletzt mit der Tatsache begründet, daß der (2. Welt-) Krieg auch in unserem Leben (noch immer) eine Rolle spielt, auch wenn wir (unsere Generation) ihn nicht am eigenen Leib erlebt haben.

Gemeinsam ist uns allen offensichtlich ein großes Interesse am Thema. Vielleicht ist dies eine Art deutschen Erbes?

Zu den Erkenntnissen ...

Die Spuren des Krieges mahnen uns. Was haben wir getan, als wir Anfang bis Mitte der 90er täglich Schreckensmeldungen vom Krieg in Bosnien hörten? Was haben die Menschen, denen wir auf den Straßen in Mostar und Sarajevo begegneten, getan und erlebt? Wie verhalten wir uns bei neuen, anderen Konflikten? (Das Thema Tschetschenien wird täglich brisanter.) Was hat uns diese Reise konkret gebracht? Haben sich Dinge für uns geklärt und wie können wir helfen, unterstützen?

Wir sind mit vielen Fragen nach Bosnien gereist und kehrten mit einigen wenigen Antworten, vielen neuen Fragen und wertvollen Denkanstößen nach Deutschland zurück.

Velida, unserer 21jährigen Dolmetscherin in Sarajevo, die ihr gutes Deutsch der Tatsache verdankt, daß sie fünf Jahre lang als Flüchtling in Deutschland lebte, von wo sie unbedingt wieder nach Bosnien zurückkehren wollte, weil sie nicht glücklich war, obwohl sie wußte, daß ihre – nicht nur materiellen – Lebensbedingungen dort ungleich härter und entbehrungsreicher sein würden, schenkten wir zum Abschied Blumen.

Karin Scherer