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Oliver

REISEBERICHT OLIVER PASSEK GAJB-BOSNIEN-FAHRT

Entgegen unserer ursprünglichen Absicht neben Bosnien-Herzegowina auch Serbien zu besuchen, durften wir nun die kompletten 10 Tage im Land des “Dayton-Friedens” verbringen.

Zwei Wochen die immer noch nicht ausreichend waren, um das zu verstehen, was, warum passiert ist und was heute in den Köpfen der Leute vorgeht.

Eins muß mensch nämlich vorne weg schicken: Die Leute mit denen wir uns unterhalten haben, waren keine Nationalisten oder, wie uns immer wieder gesagt wurde, “Leute vom Land”, die nie gelernt haben, mit verschiedenen Kulturen (das Wort Ethnie versuche ich so gut wie es geht zu vermeiden) zusammen zu leben.

Unsere Leute sind “cool”. Sie spazieren vom einen Teil Mostars in den anderen als wäre die Stadt noch intakt, sie schimpfen über die Dreiteilung Bosniens und wünschen sich eine Multi-Kulti-Gesellschaft, wie es sie in Sarajevo vielleicht einmal gab.

Doch mittlerweile glaube ich, daß mensch gerade in den Zwischentönen der “Coolen” ein bißchen zu begreifen lernt, was dort passiert ist:

In den Gesprächen mit Igor und seiner Kollegin vom “Mostar Peace Projekt” wurde es zumindest ein bißchen deutlich: Wenn im ganzen Land die Extremisten plötzlich das Sagen haben und die so zu Ethnien gewordenen verschieden Bevölkerungsgruppen sich notgedrungen mit Ihren Leuten (und damit auch notgedrungen mit Ihren Führern solidarisieren), ist es auch irgendwann dort mit dem Zusammenhalt vorbei, wo zumindest noch Kroaten und Moslems zusammengehalten haben, wie anfangs auch noch in Mostar und Sarajevo.

Irgendwann herrscht automatisch dann Mißtrauen vor und es genügt der aller kleinste Konflikt, um auch hier die Kugel (im wahrsten Sinne des Wortes!) in s Rollen zu bringen und auch in Mostar und in Sarajevo gehen wie in anderen Landesteilen Kroaten und Muslime aufeinander los.

Auch Willibor, der als Bosnier für die OSZE in Mostar arbeitet, verdeutlicht die Spannungen, die nun da sind, auch innerhalb der einzelnen Bevölkerungsgruppen: Rückkehrer  gegen Daheimgebliebene, Kriegsgewinnler gegen Kriegsverlierer, unfähige, eigene Politiker gegen oftmals zu wenig informierte Funktionäre aus dem Ausland. Ein Grund, warum die OSZE verstärkt Einheimische, wie Willibor, in ihre Arbeit einbindet.

Sarajevo hat sich natürlich in den vier Jahren Krieg erheblich verändert: Die Stadt hat zwar wieder eine halbe Million Einwohner (vor dem Krieg waren es fast doppelt so viele), allerdings ist die kroatische Bevölkerung fast komplett geflohen und die serbischen Einwohner haben sich in die Republik Srpska zurückgezogen, die am Stadtrand von Sarajevo beginnt.

 Zwischen 1992 und 1996 wurde Sarajevo fast vollständig durch einen Tunnel ernährt, der aber ebenso als Nachschublager für die bosnischen Streitkräfte fungierte. Der Tunnel ist heute nur noch teilweise passierbar und dient jetzt als privates Museum einem gewissen Bajro Kolar, dem das Haus, an dem der Tunnel begann, gehört, als Broterwerb. Er steht für den bosnisch-muslimischen Nationalismus, obwohl er betont, daß den Tunnel während des Krieges jeder, unabhängig seiner “Zugehörigkeit”, passieren konnte.

Überwältigend war jedenfalls die Gastfreundschaft, die uns entgegengebracht wurde. Dies hängt sicherlich damit zusammen, daß bis zu 60% der Bevölkerung Bosniens sich zumindest für eine gewisse Zeit ins Ausland absetzten konnte, viele davon waren in Deutschland oder Österreich. Unser Gastgeber, der Vorsitzende der Nahrungsmittel-Gewerkschaft, Mehmed Avdagic, dürfte auch in Zukunft ein wichtiger Ansprechpartner für Austauschmaßnahmen oder kurzfristig Besuche sein.

 Interessant war dann auch “unserer Tag bei (eher mit) der Truppe”:

Hauptmann Andre Szymkowiak, hauptberuflich gewöhnlicher Student an der Universität Hamburg und nebenberuflich “Reserve-Hauptmann” bei der Bundeswehr, arbeitet bis Ende diesen Jahres als Presseoffizier für die deutschen SFOR-Truppen in Sarajevo.

Er entspricht nicht dem typischen Bild eines geschickt geschulten Bundeswehrpressemenschen, der in Schulen mehr oder weniger überzeugende Propaganda für die Ausbildungschancen bei der Bundeswehr macht. Im Gegenteil: Recht freimütig berichtet er von den Ängsten und Sorgen, aber auch von der Motivation junger Soldaten, die sich freiwillig oder auch nicht freiwillig nach Bosnien-Herzegowina begeben. Über die zahlreichen Minenunfälle, die es bereits gegeben hat; wobei erst die Hälfte der wahrscheinlich vorhandenen Minenfelder dort  überhaupt erst kategorisiert, geschweige denn gesäubert ist !

Apropos Minen: Diese stellen wohl momentan die Hauptbedrohung in Bosnien da. Heckenschützen gibt es nicht mehr und auch sonstige gewalttätige  Zusammenstöße sind eher selten. Hunger herrscht, so weit wir es feststellen konnten, zum Glück auch nicht vor, so daß statt Lebensmitteltransporten Minenräumer dringender benötigt werden. Denn Minen sind mehr als fies: Sie sehen aus wie Campingkocher oder Eishockeypucks und wenn man die zahlreichen (meist Roma-) Kinder sind, die auf den steilen (großteils verminten) Berghängen Sarajevos spielen sieht, kann einem schon Angst und Bange werden.

Zurück zur Bundeswehr: Es herrschen strenge Gesetze (Nachtruhe, Aufstehen, Bewachung etc.), es gibt kein Spielkasino oder Bordell in der Kaserne (auch wenn die Franzosen bei anderen Einsätzen schon mal eins dabei haben), “psychologische Kriegführung” heißt jetzt “operative Information”, Kriegsverbrecher wie Karadzic werden (leider) aus Rücksicht auf die bosnischen Serben, deren “Helden” man sie (noch) nicht berauben will, nicht festgenommen - um nur einige der interessanten Fakten zu nennen, von denen uns Andre berichtete.

Daneben haben wir uns intensiv mit den Hauptbeschäftigungen der SFOR-Truppen beschäftigt: Illegale “Checkpoints” auflösen (praktisch gelungen), Waffen vernichten (trotz Verbot des privaten Waffenbesitzes vermutet man noch welche in fast jedem Haushalt), Wiederaufbau. Da Andre ab Dezember auch in Deutschland prinzipiell als Referent zur Verfügung steht, können wir auch in Zukunft noch einiges von ihm erfahren – ein wertvoller Kontakt.

Einen Routinetermin hatte dann Jacob Finci, Direktor der “Open Media Society” (gehört zur Stiftung des Börsenspekulanten George Soros) mit uns – nichtsdestotrotz bekamen wir viele interessante Fakten zur Medienlandschaft in Bosnien-Herzegowina geliefert:

Landesweit gibt es rund 272 Radio- und TV-Stationen, die Föderation und die Republik Srpska verfügen über ein eigenes staatliches Fernsehprogramm - ein gemeinsames, landesweites Programm ist aber in Planung.

Kleine, unabhängige Fernsehstationen sind im “Open Broadcast Network” zusammengeschlossen, gleiches gilt für die unabhängigen Radiosender, deren Zusammenschluß sich RADIO FERN nennt.

Die “Open Media Society” verfügt nun auch über Büros in Montenegro und im Kosovo; auch das Büro in Belgrad arbeitet (so gut es eben geht) weiter. Außerdem versucht die Stiftung möglichst flächendeckend in Ex-Jugoslawien Internet-Center zu eröffnen – momentan gibt es welche in Sarajevo, Mostar, Banja Luka, Bihac und in einigen weiteren Städten.

Ins Herz geschlossen haben wir dann noch die Jugendzeitung “Nepitami” und Ihre MacherInnen. Es ist mehr als mühsam, wenn Jugendliche aus nahezu allen Teilen Bosnien-Herzegowinas versuchen eine gemeinsame Zeitung zu machen – doch irgendwie geht es doch und hoffentlich auch weiter – die “Nepitami” steckt in Finanznöten und unsere Tips können Ihnen hoffentlich helfen.

Oliver Passek