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Bosnien GAJB  - Fahrt nach Mostar und Sarajevo

Eigentlich sollte die Fahrt ja nach Serbien gehen, aber auf serbische Behörden sollte man sich wohl nicht verlassen, und schon gar nicht, wenn es um die rechtzeitige Ausstellung von 10 Visa für Deutsche geht...

So sind wir dann also am 21. 10. 99 mit dem Nachtzug Richtung Zagreb gestartet, um von dort aus mit dem Bus nach Mostar weiterzufahren. Mit dem Bus, tja, mit welchem eigentlich? Nach unserem Wissensstand hätten ca. alle 2 Stunden einer fahren müssen, doch in Zagreb sah die Situation dann anders aus, so dass wir dann noch mit hängen und würgen einen Kleinbus chartern konnten. Da haben wir dann auch gleich den örtlichen Fahrstil, besonders Überholmanöver werden zu einem besonderen Erlebnis, kennengelernt, gekoppelt mit der Polizei, die die Verkehrssünder sofort und willkürlich zur Rechenschaft zieht, Bußgelder auf Verhandlungsbasis!

Auch an der Grenze zwischen Kroatien und Bosnien wurden wir gleich mit den dortigen Gewohnheiten konfrontiert, um die Grenze passieren zu dürfen, mussten wir 50 DM bezahlen. Wer das Geld eingesteckt hat, ob  Grenzer, Behörden, Mafia oder der Busfahrer selber, wissen wir nicht.

Kriminalität und Korruption gehören in Bosnien zum Alltag wie das tägliche Brot. Der Krieg hat den ohnehin schon im sozialistischen Jugoslawien verankerten mafiösen Strukturen neuen Nährboden und Auftrieb gegeben. Heute sind diese Strukturen im neuen System immer noch sehr fest eingebunden, denn viele sehen aufgrund schlechter sozialer Umstände, zerstörten Lebensraums und unvorstellbar hoher Arbeitslosigkeit, in der Illegalität das einzige erfolgreiche Mittel zum Überleben. Ein junger Mann Anfang 20 erzählte uns, er sei Polizist in Mostar und er möge den Job , weil er selber die Regeln aufstelle, so könne er dealen oder auch Gewalt ausüben, ohne dass er Konsequenzen fürchten müsse.

Es ist natürlich erlaubt gegen polizeiliche Willkür zu klagen, aber die meisten Klagen werden in Sarajevo einfach nur abgeheftet und bleiben ohne Folgen. Dies soll nur ein Beispiel sein, dass die z. T. anarchischen Strukturen dieses Landes veranschaulicht. Solche Lebensgrundlagen lassen viele Menschen resignieren, eine bessere Zeit scheint zur Utopie  zu werden. Und doch sind die Menschen nicht ohne Lebensfreude, im Gegenteil, wer abends durch die Straßen von Mostar zieht, hört an allen Ecken laute Musik- von orientalischen Klängen bis hin zu Techno . Da sowieso nur die wenigsten Leute Arbeit haben, spielt es keine Rolle, wann sie schlafen, also wird auch  während der Woche bis spät getanzt oder im Café gesessen. Für viele ist die Einrichtung eines Cafés aber auch die einzige Möglichkeit etwas Geld zu verdienen, so dass die Stadt mit überproportional vielen solchen Einrichtungen ausgestattet ist. Für diejenigen, die den Krieg erlebt haben ist es wahrscheinlich ein ganz besonderes Lebensgefühl, sich frei und unabhängig von der Tageszeit auf den Straßen bewegen zu können, schließlich musste während des Krieges jeder, der den schützenden Keller verlassen hat, um sein Leben fürchten.

Das muss man heute nicht mehr , trotzdem kann man keineswegs davon sprechen, dass der Hass zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen verschwunden ist. Seit 1995 ist die ehemals multiethnische Stadt Mostar in einen bosnisch-kroatischen und einen bosnisch- muslimischen Teil aufgeteilt. Viele Einwohner haben immer noch Angst, die andere Seite Mostars zu betreten, nur 10% bewegen sich in beiden Teilen. Hoffnung auf eine “Wiedervereinigung” gibt es nicht, denn der kroatische Teil fühlt sich zu Kroatien zugehörig und will nicht zu Bosnien gehören. Die Einwohner dieses Teils der Stadt besitzen auch einen Doppelpass, der ihnen freie Einreise nach Kroatien und in westeuropäische Staaten ermöglicht, für die die Einwohner des muslimischen Teils ein Visum o. ä. benötigen. Die Moslems sehen die Kroaten auch als “Feinde” an und lehnen ein Zusammenleben mit ihnen ab. Im Laufe der letzten vier Jahre hat sich die Lage jedoch nach Aussage von Einheimischen erheblich entspannt, so dass gewaltsame Übergriffe sehr selten geworden sind. Wer die andere Seite betritt, wird aber nach wie vor schief angeguckt. Vielleicht ist die Zeit, die vergeht, ein Faktor, der Vorteile bringt und ein langsames Annähern der beiden Ethnien aneinander ermöglicht. Wir haben mit mehreren Organisationen gesprochen, die sich speziell damit beschäftigen, gemeinsame Veranstaltungen zu machen, besonders um Jugendliche aus den Denkstrukturen der Erwachsenen herauszureißen und sie zu beschäftigen. Geleitet werden diese Projekte meistens von ausländischen Jugendlichen oder jungen Leuten, die während des Krieges im Ausland waren. Doch eine Perspektive sehen die jungen Mostari nicht, sie wollen so schnell wie möglich in größere Städte, z. B. nach Sarajevo oder ins Ausland.

Sarajevo ist im Krieg vier Jahre von serbischen Truppen belagert worden und war zu großen Teilen zerstört. Heute hat die Stadt wieder eine halbe Million Einwohner (vor dem Krieg waren es ca. 800 000) und 30% der zerstörten Gebäude sind wieder aufgebaut bzw. restauriert. Doch das Stadtbild ist nichtsdestotrotz vom Krieg nachhaltig geprägt worden: so sind immer noch an vielen Häusern Einschüsse zu erkennen und Arbeitslosigkeit macht sich bemerkbar. Überall ist die S-FOR präsent, sie soll den Friedensvertrag von Dayton durchsetzen und den Frieden in der Region sichern. Sie ist bei vielen Leuten unbeliebt, weil sie durch ihr mächtiges Auftreten als Besatzungsmacht empfunden wird, andererseits herrscht die Meinung vor, dass der Krieg wieder losgehen würde, sobald die S-FOR abzieht. Nach Expertenmeinung wird es mindestens noch 30 Jahre dauern, bis der Frieden auch ohne S-FOR bestehen bleibt.

Vor dem Krieg hat die Stadt vom Tourismus profitiert, heute wird wieder versucht, viele Leute in die Stadt zu locken. So ist die Altstadt, der Stadtkern, fast vollständig wieder in Stand gesetzt und Cafés und Souvenirshops hoffen auf Kundschaft. Doch die blieb bisher noch weitgehend aus.

Dadurch, dass Sarajevo eine Stadt und kein Dorf ist, ist eine gewisse Mischung verschiedener Ethnien wieder möglich, wenn auch nur sehr begrenzt. Viele haben einfach Angst, wieder zurückzukehren, denn jetzt ist nichts mehr so, wie es vorher war. Die Menschen sind andere, denn viele Flüchtlinge aus anderen Gebieten, Dörfern, sind nach Sarajevo gekommen und viele Flüchtlinge nicht wieder zurück. Das Stadtbild ist ein anderes geworden, und vielen, die ins Ausland geflüchtet sind und jetzt wieder zurückkommen, wird vorgeworfen, sie seien feige gewesen und hätten nicht gekämpft und würden jetzt auch noch vom Ausland das Geld nachgeschmissen bekommen, oder wer der “falschen” Ethnie zugehört, wird diskriminiert und ausgeschlossen. Die Angst vor unangenehmen Erfahrungen ist größer als der Mut, den anderen die Hand zu reichen oder die Kraft, den Hass zu überwinden.

Versuche von außen, z. B. von der S-FOR , Minderheiten wieder zurück zu siedeln, speziell in Dörfern, sind sehr problematisch, denn die Ideologien, die ein friedliches Zusammenleben verhindern, herrschen immer noch vor, sowohl bei den muslimischen Bosniern, als auch bei den serbischen Bosniern, die in der serbischen Republika Srbska in Bosnien leben. Deshalb wollen die meisten auch nicht wieder zurück, denn Repressalien und Angriffe, Fenster einschmeißen ist das Harmloseste, stehen auf der Tagesordnung. Um so ein “Wespennest” einladend zu machen, werden für die “Rückkehrer” Häuser gebaut und sie damit finanziell gelockt. Doch wen interessiert das? Doch höchstens die neidischen Einheimischen, die ihre Missgunst dann in Form einer Tretmine vor der Haustür als “Gastgeschenk” zum Ausdruck bringen. Und wer will schon in ein Dorf zurückgehen? Die meisten sind froh, dass sie aus den mittelalterlichen Gegenden weg sind. Dass es trotzdem schmerzt, aus seiner Heimat vertrieben zu werden, soll hier jedoch keineswegs in Frage gestellt werden. Die persönlichen Leiden und Erlebnisse kann vermutlich sowieso nur der verstehen und nachvollziehen, der es erlebt hat.

Und gelitten und erlebt hat jeder, der zwischen1992 und 1995 in Bosnien war. Die , die während des Krieges dageblieben sind noch länger, als die, die geflohen sind. Aber auch die haben schreckliches gesehen und  die Flucht war in den meisten Fällen auch alles andere als einfach. Verlust von Freunden oder Familienmitgliedern, zerstörte Häuser, Nahrungsmittelknappheit, Aussichtslosigkeit, politische Propaganda, Neuordnung des gesamten Lebens, Armut, Arbeitslosigkeit. Dies alles müssen oder mussten die Menschen auf dem Balkan ertragen und lernen, damit zu (über-)leben. Jetzt müssen sie lernen, mit der neuen Ordnung zurechtzukommen und sich gedulden. Gedulden, bis es wieder Arbeit gibt, gedulden, bis der Hass schwächer wird, gedulden, bis die Zeiten sich ändern. Keine Perspektive, aber dennoch die einzige Lösung.